Geschichte der Drahtseilbahn
Unterwasser - Iltios 
Einleitung 

Ja, ich bin Drahtseilbahn-Fan! 
Es ist erstaunlich, wie sehr einem Kindheitserlebnisse auch später beeinflussen können. Als Kind lebte ich eine Zeit lang bei meinen Grosseltern in St. Gallen-St. Georgen. Gelegentlich durfte ich mit meinem Grossvater mit der Mühleggbahn fahren anstatt die vielen Treppenstufen das Steinachtobel nach 'Sant' Jörgen' hinauf steigen zu müssen. Noch heute erinnere ich mich, wie ich jeweils in das Dunkel des Tunnels hinausspähte, ob wohl der andere Bahnwagen rechtzeitig für das Kreuzen in der Tunnelmitte auftauchen würde!

Die Mühleggbahn fuhr mit Wasser, dafür gab es bei der Bergstation den Mühleggweiher. Dort wurde die entsprechende Menge in die Tanks des Wagens eingefüllt, und dessen Gewicht zog dann den anderen Wagen die Strecke hoch. Die Passagiere wurden darum jeweils genau gezählt. Noch heute höre ich das Rauschen des einströmenden und auch des in der Talstation in die Steinach abfliessenden Wassers. 

Wie ich später die ersten male mit der Iltiosbahn fuhr, vermisste ich unbewusst das Geräusch des Wasserballlastes und als ich mich endlich getraute, danach zu fragen, lernte ich gleich zwei Dinge:
- bei der Länge der Iltosbahn macht das Gewicht des Drahtseiles einen 'Wasserbetrieb' unmöglich, und
- das nötige Wasser wäre auf der Alp Iltios ohnehin nicht vorhanden. 
Nun, die Mühleggbahn gibt es nicht mehr in dieser Form, darum also nach Unterwasser und zur Iltiosbahn:
 


Unterwasser anno dazumal ...
«Getreidemühle mit Wirtschaftsrecht und einigen Häusern im schönen Wiesengelände zwischen Alt St. Johann und Wildhaus»

Wie und wann die Idee für eine Bahn von Unterwasser hinauf zur Alp Iltios entstand, ist mir nicht bekannt. Sie muss wohl, nachdem verschiedene Bahnprojekte im Toggenburg (u.a. auch für eine Zahnradbahn auf den Säntis) gescheitert waren, in der Luft gelegen haben. 1928 entwarf Walter Looser (1897-1937, der Hotelier des «Sternen» in Unterwasser) ein Projekt für eine Luftseilbahn in zwei Sektionen von Unterwasser zum Kühboden und von dort zum Säntis. Es kam jedoch nicht bis zum Konzessionsgesuch. Es wurde (leider!) aus unbekannten Gründen nicht mehr weiter verfolgt, als Anfangs der dreissiger Jahre das Projekt der Luftseilbahn Schwägalp- Säntis der Konzessionsbehörde unterbreitet wurde.

Vor allem in Unterwasser wurde die Gefahr einer Abwanderung von Kurgästen und Passanten in verkehrsmässig besser erschlossene Winter- und Sommersportgebiete erkannt, wenn nicht in Form einer leistungsfähigen Sportbahn auch im Obertoggenburg eine neue Attraktion geschaffen würde. Die folgenden Angaben sind Zitate aus dem Gründungsprospekt der Drahtseilbahn Unterwasser-Iltios:

«Statistische Erhebungen der Jahre vor 1933 ergaben für Unterwasser, Wildhaus und Alt St. Johann zusammen rund 48'000 Sommerkurtage und 22'000 Winterkurtage. Die Zahl der übernachtenden Passanten und Wochenendbesucher belief sich auf über 6'000 per Jahr, mit Gesellschaftautos haben rund 7'500 Reisende das obere Toggenburg durchfahren und die Zahl der passierenden Fahrgäste mit Privatautos wird auf 160'000 pro Jahr geschätzt.»
«Die drei genannten Orte kamen im Jahr 1931 zusammen auf ca. 80'000 Logiernächte. Zum Vergleich führen wir einige grössere schweizerische Kurorte auf, nämlich Ragaz mit 61'000, Engelberg mit 74'000, Wengen und Kleine Scheidegg mit 95'000, Pontresina mit 86'000 und Schuls Tarasp mit 80'000 Logiernächten. Unterwasser allein zählt rund 35'000 Logiernächte gegen 22'000 in Mürren, 33'000 in Adelboden 37'000 in Vitznau und 42'000 in Klosters.»

«Dem Fehlen einer modernen Sportbahn und weniger der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung wird denn auch der Umstand zugeschrieben, dass in Unterwasser die Zahl der Logiernächte seit 1929 in folgender Weise laufend abnahm: 1929 = 25 894, 1930 = 24 716, 1931 = 21 446, 1932 = 19 888»

Den Initianten war nicht entgangen, «dass der Wintersport als Massenbewegung auch zeitgemässe Beförderungsmittel verlangt, die vor allem den Skifahrern den strengen Aufstieg durch eine Bergfahrt ersetzen und ihnen dadurch in müheloser Weise die Abfahrt ermöglichen.»

Gründung der Gesellschaft

Am 20. August 1932 reichten Walter Looser und alt Lehrer Jakob Geisser (Präsident des Kur- und Verkehrsvereins Unterwasser) das Konzessionsgesuch für die Drahtseilbahn von Unterwasser zur Alp Iltios an den Bundesrat ein. Mehr ist leider auch der Festschrift "50 Jahre Iltiosbahn" ist nicht zu entnehmen. Danach nahmen sie zusammen mit Ingenieur Walter Kesselring, Direktor der damaligen Bodensee-Toggenburg Bahn, die weiteren Vorarbeiten wie die Standorte der Stationen, Linienwahl und technische Abklärungen in Angriff. 

Die Initianten hatten das Glück mit Ingenieur Arthur Weidmann aus Küsnacht einen versierten Fachmann im Bergbahnbau zum Partner zu haben, der das Bauprojekt verfasste. Er war kurz zuvor beim Bau der Davos-Parsenn-Bahn tätig gewesen und brachte vor allem im technischen Bereich wertvolle Erfahrungen mit. So erstaunt es nicht, dass die Iltiosbahn zu einer Schwester der Parsenn-Bahn geriet: Die Anlage des Bahnkörpers, die geschwungene Linienführung und die Spurbreite von 80 cm beweisen deutlich, dass die in Davos mit Erfolg gewählten Normen auch bei der DUI zur Anwendung kamen. 

Wer weiss, wie lange es heute dauern kann, bis ein derartiges Projekt von der Idee bis zur Einweihung reift, den überrascht es, wie zügig es damals bei der Iltiosbahn vorwärts ging: 
  • 22. März 1933 Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung 
  • 31. März 1933 Konzessionserteilung durch den Ständerat 
  • 13. April 1933 Konzessionserteilung durch den Nationalrat 
  • 01. Juni 1933 Herausgabe des Gründungsprospektes 
  • 11. Sept. 1933 Gründungsversammlung der AG DUI, und anschliessend 
  • Oktober 1933 Beginn der Tiefbauarbeiten 
  • 25. Juli 1934 Probefahrten und Kollaudation (Abnahme) 
  • 26. Juli 1934 Eröffnung und Aufnahme des fahrplanmässigen Betriebes 
  • Walter Looser
    Walter Looser
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    Die vom Bund 1933 am 13.Apr.1933 auf 80 Jahre erteilte Konzession machte aber auch einige Auflagen, die hier ebenfalls erwähnt werden sollen:
    - Als Nebenbahn im Sinne des Bundesgesetzes von 1899 wurden nicht nur die Taxen für die Bergfahrt mit Fr. 1.50 und für die Retourfahrt Fr. 2.-, sondern ebenso diejenigen für Gepäck und Güter mit höchstens Fr. l.50 pro 100 kg festgesetzt. 
    - Ebenso waren darin Bestimmungen über das Rückkaufsrecht des Bundes oder des Kantons St. Gallen (frühestens nach 30 Jahren nach Eröffnung der Bahn) enthalten.

    Ausser der Konzessionsdauer, die im Jahre 2013 erstmals verlängert werden muss, sind diese Bestimmungen mit der Änderungen der Eisenbahngesetzgebung inzwischen aufgehoben worden. 

    Der Gründungsprospekt vom 01. Juni 1933 für die Aktienzeichnung

     
     
     
    Der Iltioshang vor dem Bau der Iltiosbahn
     
    Mit diesem gut gemachten Prospekt wurde das Publikum eingeladen, Aktien der Bahn zu zeichnen.

    Er enthielt als erstes eine Beschreibung der projektierten Bahn:
    Geplante technische Daten
    Höhe Talstation: ca. 910m  /  Höhe Bergstation: ca. 1350m
    Höhendifferenz 433m;  grösste Steigung 45,7% / kleinste 20%
    Bahnlänge: horizontal 1139m / schief 1220m;  4 Brücken
    Ausweiche (Kreuzung): Länge 90m;  Spurweite 0.80m
    Fahrgeschwindigkeit: 3.2 m/Sek;  Fahrzeit: 6½ Min.
    Maximale Stundenleistung in einer Richtung: 300 Personen
    2 Wagen für je 36 Personen: Länge 5.50m, Breite 2m, Achsabstand 3.20m,
    mit automatischer Schnellschlussbremse, Handbremse im Führerstand, elektrischer Beleuchtung mit Batterien.
    [Anmerkung: Es wurden dann aber Wagen für je 44 Passagiere beschafft]

    Dem Prospekt ist zu entnehmen, dass die gesamte Anlage für Fr. 700'000.- projektiert war. Dies sollte durch ein Aktienkapital von Fr. 300'000.- (600 Aktien von nominell 500 Franken) und eine Obligationenanleihe von Fr. 400'000.- finanziert werden. Das Bau- und das Betriebsbudget sah folgendermassen aus:
     
    Voranschlag Baukosten
    Fr.
     
    Rentabilität, geschätze Einnahmen/Ausgaben Fr.
    Allgemeine Kosten
    Konzessionserwerb, Projekte, Finanzierung, Bauleitung und Bauzinse

    Bahnanlage
    Erwerb von Grund und Rechten
    Unterbau
    Oberbau und Putzgrubengebälke
    Hochbauten
    Mech. & elektrische Einrichtungen
    Seiltragrollen
    Drahtseil
    Telefon, Signalanlage, Bahneinfriedung
     
    Rollmaterial, 2 Wagen für je 36 Pers.
    Weganlagen
    Mobiliar und Gerätschaften
    Unvorhergesehenes
     
    Total Baukosten
     
     
    50 000.-
     
     
    12 000.-
    330 000.-
    55 000.-
    60 000.-
    80 000.-
    9 000.-
    5 000.-
    6 000.-
     
    55 000.-
    5 000.-
    5 000.-
    28 000.-
     
    700 000.-


    Einnahmen aus Personenverkehr:
    35 000 Bergfahrten zu Fr. 1.50
    14
    000 Retourfahrten zu Fr. 2.-
     2
    000 Talfahrten zu Fr. 1.-
    Abzug für Abonnements, etc. , ca. 20%
    Total Einnahmen aus Personenverkehr

    Einnahmen aus Gepäck- und Güterverkehr

    Verschiedene Einnahmen (Kiosk, etc.)

    Total Betriebseinnahmen

    Geschätzte Betriebsausgaben

    Betriebsüberschuss
    Die Initianten nahmen an, dass dies zu einer
    Verzinsung der Obligationen zu 4½% und für
    eine Dividende 5½% für das Aktienkapital
    ausreichen würde.

     53 350.-

     28 000.-
      2 000.-
    -16 750.-
    66 500.-

    6 000.-

    2 500.-

    75 000.-

    31 000.-

    44 000.-

    Angesichts der damaligen wirtschaftlichen Situation war es nicht leicht, genügend Investoren zu finden. Am 29. Aug.1933 konnte das Initiativkomitee feststellen, dass das Aktienkapital voll gezeichnet worden war und die Obligationen fest von einem Bankensyndikat übernommen wurde. Neben privaten Aktionären - allen voran Werner Looser - hatte auch die Bodensee-Toggenburg Bahn/BT -vermutlich auf Betreiben des Direktors der BT, Ing. Walter Kesselring - ein wesentliches Aktienpaket übernommen.

    Somit konnte am 11. September 1933 die konstituierende Generalversammlung der Aktionäre, die Gründungsversammlung der AG Drahtseilbahn Unterwasser-Iltios/DUI im Hotel Sternen stattfinden.
    Die 42 anwesende Aktionären genehmigten die Statuten und wählten den ersten Verwaltungsrat:

  • Walter Kesselring, Direktor der BT, St. Gallen, Präsident; 
  • Walter Looser, Hotelier, Unterwasser, Vizepräsident; 
  • Jakob Geisser, Unterwasser; 
  • Martin Goeggel, Kaufmann, St. Gallen; 
  • Dr. Bruno Kühn, Direktor der St. Gallischen Hypothekarkasse, St. Gallen; 
  • Dr. Eduard Scherrer, alt Stadtammann, St. Gallen. 

  • Die Versammlung ermächtigte ihn, mit dem Bau der Bahn so rasch wie möglich zu beginnen.

    Die AG wurde am 26. Okt. 1933 ins Handelregister des Kt. St. Gallen eingetragen, die Statuten am 27. Okt. durch das Eidg. Post- und Eisenbahndepartement genehmigt.


    Fortsetzung: Der Bau der Bahn
    up-dated:  18. Dez. 2004
    Design and Copyright:  Jörg Walker
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