Die Geschichte der «Funi A-G», Wildhaus
1937 - 1949

Vorwort
Als ich mit dieser Seite begann, ahnte ich nicht, wie viel Arbeit und Zeitaufwand damit verbunden sein würde. Dennoch, im Vordergrund steht heute die Freude über die vielen guten und oft amüsanten Gespräche mit den vorwiegend älteren Wildhausern, die in ihren Erinnerungen kramten und sogar ihre Fotoalben für mich öffneten. Zum Dank sei ihnen diese Seite gewidmet. 
Desgleichen ist sie aber auch für all die Freunde und Bekannten gedacht, mit denen ich seit über 50 Jahre am Gamserrugg Ski gefahren bin und, nicht zuletzt, auch für die jüngere Generation, die von diesen Dingen oft nur vage vom Hörensagen weiss.

Die Fotos
Wenn man auf die Vorschau-Fotos links klickt, erscheinen sie in voller Grösse mit Legende in diesem Rahmen.
Viele Fotos sind aus Privatbesitz und wurden mir zur Verfügung gestellt, besten Dank!
Einen Besonderen Dank geht an Fritz Müller, Fotograf, Wildhaus und an die Wildhausbahnen, die mir beide erlaubten, die Fotos in ihren Archiven zu verwenden. Das Copyright verbleibt aber bei den Besitzern und die Bilder dürfen nur mit deren Einwilligung weiter verwendet werden!

Die Photogallerie enthält bereits eine rechte Anzahl guter Bilder, nur fehlen noch immer Fotos der Nordseite der Talstation und besonders der Bergstation, ebenso auch von der Funi bei der Talfahrt .... 
Wer kann mir helfen, noch weitere Bilder der Funi zu finden?
(Ich brauche die Fotos nur für ein bis zwei Tage um sie einzuscannen und gebe sie dann unbeschädigt zurück!)

Die Vorgeschichte

Heinrich Koch
Nachgewiesenermassen war Heinrich Koch - damals Gemeinderatsschreiber von Wildhaus - der Vater des Wildhauser Bergbahn-Gedankens. Die schwerwiegende Krise der dreissiger Jahre und der Ruin der Handstickerei waren für ihn Grund genug, nach einer anderen Verdienstmöglichkeit für die Talschaft zu suchen. Während H. Koch im Februar 1937 in den Besitz eines Skiliftprospektes gelangte (1934 wurde in Davos der Bolgenlift als erster Skilift der Welt eröffnet), entdeckte Carl Rieth vom Hotel Alpenblick in der "Schweizer Illustrierten" einen Bildbericht, der über ein neues Transportmittel im Skigebiet der Lenzerheide informierte, wo eine Schlittenseilbahn, eine so genannte Funi in Betrieb genommen worden war. Gemeinsam zeigten sie diese Neuigkeiten Dr. Heinrich Hilty, Tierarzt und Hotelier vom Hotel Acker, bei dem sie auf so grosses Interesse stiessen, dass noch im selben Monat der Verkehrsverein, die Skischulleitung und der Skiklub zu entsprechenden Aktivitäten aufgefordert wurden.
Eine Versammlung des Skiclubs vom 25. Februar 1937 zeigte zwar geteilte Meinungen, Begeisterung und Skepsis hielten einander die Waage. Die Skilehrer applaudierten den Initianten, während die Pessimisten vor Abenteuern warnten. Ein Hotelier vertrat die Ansicht, dass eine neue Sportbahn neben der Iltiosbahn kaum lebensfähig wäre, da Unterwasser mit der Iltiosbahn nun einmal das Zentrum des Wintersportverkehrs sei. Volksverführend sei die Behauptung, dass Wildhaus je die Anzahl Gäste aufbringen werde, um einem 
solchen Unternehmen zur Rendite zu verhelfen. Der Skiklubpräsident würdigte zwar die Initiative, folgerte aber aufgrund der Meinungsverschiedenheiten, dass die Sache belanglos sei, da über allen Plänen die Finanzierung stehe. Fazit: "Der Skiklub kann für die Verfolgung der Sache nicht in Frage kommen, da die Kommission (Vorstand) den nötigen Elan nicht aufzubringen vermag."

Doch am folgenden Tag gesellte sich Stephan Walt vom Hotel Hirschen zu den Initianten und sicherte ihnen jede Hilfe zu. Auch Frau Dr. Hilty machte den Initianten weiter Mut.  Sie wünschte, eine Bahn dort zu bauen, wo eine Verlängerung zur gegebene Zeit möglich wäre.


Stephan Walt

Darauf überstürzten sich im März 1937 die Ereignisse. Nach einer Besichtigung in Lenzerheide (Bild #00) und Konsultationen von Fachleuten reichten die drei Wildhauser Hoteliers Stephan Walt, Carl Rieth und Dr. Heinrich Hilty am 23. Juni 1937 dem «hochgeachteten Herrn Bundesrat» ein Konzessionsgesuch für «irgend ein Personentransportmittel» ein. Die Gesuchsteller begründeten ihr Konzessionsgesuch mit folgenden Worten: «Der Fremdenverkehr ist für Wildhaus zur Lebensnotwendigkeit geworden. In früheren Jahren lebte die ganze Gemeinde aus dem Verdienst der Handstickerei. Nachdem diese, vor allem als Heimarbeit, vollständig ruiniert ist und die Einführung einer anderen Industrie in der vom Verkehr abgeschlossenen Gemeinde kaum in Frage steht, ist die Gemeinde gezwungen, sich so viel als möglich dem Fremdenverkehr zu erschliessen, und diesem Zweck soll das vorliegende Projekt dienen.»


Aus dem Prospekt des Verkehrsverein Wildhaus für die Saison 1933

In der kurzen Zeit vom Februar bis Oktober 1937 gelang es den Initianten, die Bevölkerung für die Idee einer Sportbahn zu begeistern, den Anlagestandort festzulegen, die Durchleitungs- und Bodenerwerbsrechte einzuholen sowie die Planunterlagen auszuarbeiten.

Vielleicht ist es angezeigt, hier eine Beschreibung der Funi (Kurzform von «Funiculaire»), oder Schlittenseilbahn, wie es als Fachausdruck heisst, zu geben. Die Funi war eine Einrichtung bei der zwei Schlitten an einem Zugseil wie bei einer Standseilbahn (z.B. die Iltiosbahn) gegenläufig hinauf und hinunter fuhren. Der Antrieb befand sich in der Talstation. 
Eine Funi war wohl kostengünstiger als ein Skilift oder gar eine Standseilbahn, sie brauchte keine Geleise oder Masten und die Seile konnte im Frühling eingerollt werden. Dafür musste jeder Schlitten einen Schlittenführer (Steuermann) haben und waren natürlich von einer ausreichenden Schneedecke abhängig. 

Am 22. September 1937 wurde vom Schweizerischen Eisenbahndepartement die Konzession erteilt. Eine Einsprache der Iltiosbahn wurde zurückgezogen, nachdem die Initianten erklärt hatten, sie würden ihrerseits gegen eine allfällige Verlängerung der Iltiosbahn keine Einsprache erheben.


Werdenberger & Obertoggenburger vom 8. Okt. 1937

Darauf lud ein inzwischen gegründetes Initiativkomitee zur Gründungsversammlung der Funi A-G ein. Als Initianten zeichneten die Herren:

Heinrich Koch, Gemeinderatsschreiber, Wildhaus
Dr. Heinrich Hilty, Hotel Acker, Wildhaus
Stephan Walt, Hotel Hirschen, Wildhaus
Carl Rieth, Hotel Alpenblick, Wildhaus
Jakob Forrer, Skischulleiter, Pension Friedegg, Wildhaus
Ernst Steiner, Revierförster, Wildhaus
Ulrich Forrer, Pension Rösliwies, Wildhaus
Johann Hässig, Cafe Bellevue, Wildhaus
Niklaus Vetsch, Hotel Toggenburg, Wildhaus
 

Die Gründung der  «Funi A-G»

Die Gründungsversammlung der Funi AG fand am 24. Oktober 1937 im Hotel Acker statt. Sie beschloss:

  • dem Statutenentwurf Rechtskraft zu verleihen,
  • sämtliche Verträge beschlussmässig zur Kenntnis zu nehmen,
  • die Bestellungen von Seil, Bahn und Maschinen und 
  • die Kraftstromlieferung der SAK zu Fr.-.12 pro KwA, welche unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Gründungsversammlung in Auftrag gegeben worden waren, zu sanktionieren.
In den ersten Verwaltungsrat wurden gewählt:
Ernst Steiner, Wildhaus, Präsident
Heinrich Koch, Wildhaus, Vizepräsident und Aktuar
Jakob Kaufmann, Gemeindammann, Wildhaus, Kassier
Dr. H. Hilty, Wildhaus, Beisitzer
Karl Egloff, Baumeister, Neu St.Johann, Beisitzer

Das Aktienkapital betrug im Gründungsjahr 50 000 Franken. Die Zeichnung verlief aber 1937 wegen der damaligen Wirtschaftskrise eher harzig, die Initianten hatten Mühe alle Aktien 'unterzubringen', am Ende soll Metzger Bösch (Vorgänger in Metzgerei Eigenmann) Aktien für 10'000.- gezeichnet haben ....
1945/46 wurde es auf 100'000 Franken erhöht.

Bau und Betrieb der Funi


Arnold Annen
Der Auftrag für den Bau der Funi wurde an Arnold Annen, einen Landwirt und Zimmermann aus Lauenen (bei Gstaad) vergeben.
Dieser kann wohl als Erfinder der schweizer Funis bezeichnet werden. Er soll 1934 an der Wispile bei Gstaad die erste Funianlage der Schweiz mit einem berg- und einem talwärts fahrenden Schlitten erstellt haben; 1935 wurde seine erste Funi in Gstaad eidgenössisch konzessioniert und er war auch der Ersteller der Funi auf der Lenzerheide. Weitere Funis baute er u.a. in Braunwald, Saanenmöser und Villars s. Ollon. Annnen selbst baute die hölzernen Schlitten, die maschinentechnischen Teile und die mechanische Ausrüstung wurden von Josef Sigrist (mech. Werkstätte und Maschinenbau in Sachseln/OW) hergestellt und die elektrische Ausrüstung und den Motor bezog er von der Maschinenfabrik Oerlikon/MFO.

Josef Sigrist

Der Antrieb, vor der Ablieferung (noch ohne Elektromotor)

Die technischen Informationen, Pläne und Konstruktionszeichnungen können in einem separaten Kapitel "Technische Dokumentation" angesehen werden.

Nach einer erstaunlich kurzen Bauzeit wurde am 23. Dezember 1937 die Bahn von den Behörden abgenommen (Kollaudation) und konnte eröffnet werden.

Die gesamten Erstellungskosten betrugen ca. 45'000 Fr., wobei die Funi allein ca. 20'000 Fr. und der Bau des Restaurants ca. 18'000 Fr. kosteten.

Wie auch heute noch lag die Talstation Thur auf einer Höhe von 1020m, die Bergstation Oberdorf auf 1233m, die schräge Länge der Bahn mass 790m. Die mittlere Steigung betrug 27,7%, die grösste Steigung 62%, wobei anzumerken ist, dass die Behörden bei der Betriebsabnahme die Steilheit von gewissen Streckenabschnitten bemängelten und die Auflage erteilten, diese so anzupassen dass die grösste Steigung 63% nicht überschritt. Bei einer Seilgeschwindigkeit von 1,5 m in der Sekunde benötigten sie 9 Minuten für die Fahrt, die Kapazität betrug rund 90 Personen pro Stunde. 

Die Talstation wurde vom Zimmermeister Näf [Gottlieb, Riet?] gebaut. Dort installierte Josef Siegrist aus Sachseln den Motor und den Antrieb. Dieser erfolgte über zwei liegende Seilräder um die das Zugseil, das einen Durchmesser von 14 mm hatte, in der Form einer doppelten Acht geführt war. Nach kurzer Zeit gab es beim kleineren, dem Antriebsrad einen Achsbruch, da dessen Achse mit 6cm Durchmesser zu schwach war. Trotzdem wurde die Funi weiter betrieben, allerdings mit höchsten 8 bis 10 Passagieren. Da dadurch das Achslager beschädigt wurde, brach die neue, 8cm Achse schon nach 3 Wochen abermals und musste wieder ersetzt werden. Dies provozierte «Funi Ueli» zu folgendem Kommentar: "Da het's au e Hölzigi (Achse) tue!" Es scheint, dass es damals noch zu wenige erfahrene Fachleute gab, um solche Anlagen richtig zu berechnen. Vermutlich ebenfalls deswegen musste im ersten Monat schon der Transformer ausgewechselt werden; auch der erste Motor mit 39PS war zu schwach und wurde noch im ersten Betriebsjahr durch einen mit 59PS ersetzt, später soll nochmals ein noch stärkerer Motor eingebaut worden sein. 

An der Kasse sass der Betriebsleiter Jakob Kaufmann und sozusagen hinter der Kulisse wirkte Kaspar Reich als Maschinist. 

Die Bergstation wurde an Stelle des «Sticklokales» (= Raum/Gebäude für Stickmaschinen, Heimarbeit!) das an Schlegel's Haus (wurde 1972 oder 1973 abgebrochen) angebaut war, von Alois Grob [Schönenboden?] erstellt. Das «Sticklokal» war ein 'Strickbau' und sein Holz wurde für den Bau des daneben liegenden Restaurant Funi wieder verwendet. 
Das Wendrad war dort auf einem Gleitschlitten angebracht und bewegte sich bei jeder Fahrt jeweils unter dem Zug des Zugseiles auf der einen und dem des Spanngewichtes auf der anderen Seite um gut zwei Meter vor und zurück.

Die Schlitten wurden auf die Namen «Ueli» (rechte Spur) und «Vreneli» (linke Spur) getauft.
Sie  waren aus Holz gebaut (mit einem Unterboden aus Blech), wogen leer 700 kg und beladen 1750 kg; sie boten mit 5 Sitzreihen mit je 3 Sitzen und dazu 2 rückwärts gewandten Sitzen vis-a-vis vom Schlittenführer Platz für 16 Passagiere. In Stosszeiten wurden aber schon mal bis zu 22 Passagiere geladen, z.B. die Skilehrer hinten auf den Skis ...

Die Schlitten hatten (im Unterschied zur wenig erfolgreichen Stöfeli Funi) starre, nicht lenkbare Kufen und wurden über das Zugseil gesteuert. Sie hatten auch eine Notbremse: Die beiden Zugstangen hinten und vorne, an denen das Zugseil befestigt war, waren im Schlittenboden mit einer Federplatte verbunden. Sobald nicht genügend Zug darauf wirkte, streckten sich die Federn und die Bremsen fuhren aus. Ebenso wurden dann die zusätzlichen, hinten an den Schlitten angebrachten doppelten Bremsketten (->Bild 17) frei gegeben. Diese fielen in den Schnee, wurden überfahren, damit unter den Schlitten gezogen und bremsten ihn zusätzlich. Allerdings meinte «Steili-Karl» Wenk, die Verankerung der Hacken dieser Kettten seien im Laufe der Jahre im alternden Holz eher schwach geworden und er bezweifelte, ob sie im Notfalle der Belastung stand gehalten hätten! Auf den Fotos ist zu sehen dass die Schlitten einen Bügel über der 2. Sitzreihe aufwiesen. Dieser war ein vorgeschriebener Schutz im Fall eines Seilrückschlages bei einem Bruch des Zugseiles.

In der Spur auf der Strecke gab es Seilrollen; sie wurden nach Bedarf da angebracht, wo das Seil am Boden scheuerte und besonders da wo es sich sonst in den Schnee und den Boden eingeschnitten hätte. Besonders viele Rollen, etwa 10 waren daher über die Geländekante oben am Steilhang des Funibordes nötig. DieRollen waren auf einem Holzrahmen montiert und wurden ohne besondere Befestigung in den Schnee ausgelegt. Die (Metall-?) Rollen hatten damals bereits Kugellager, sie waren ... breit und aus einem Material das weicher war als das Zugseil, damit dieses bei einer Blockierung der Rollen (Einfrieren!) nicht durch Scheuern beschädigt wurde. ....  Der Schlittenführer «Steili-Karl» Wenk, der gleich neben dem Funi-Trassée im Bauernhaus «Steili» ca. auf einem Drittel der Strecke (u.a. Bild #3, #7 & #13) wohnte, musste jeden Morgen zu Fuss der Funispur entlang hinauf ins Oberdorf um seinen Schlitten zu übernehmen. Dabei musste er die allenfalls eingefrorenen Rollen lösen und schmieren. In der Bergstation hatte er ebenfalls das Wendrad mit 15 Nippeln zu schmieren.

Im übrigen besorgte Ueli Koch (er wechselte 1947 zum Skilift Gamsalp) die Arbeiten an der Funi-Spur. Nach starkem Schneefall mussten die Rollen mit Schaufel und Pickel ausgegraben und wieder auf die richtige Höhe gesetzt werden. Das war besonders da schwierig, wo das Seil über Buckel oder Geländekanten führte, da es dort mit starkem Druck auf den Rollen lag und für diese Arbeit nicht leicht hoch zu heben war. Neuschnee machte sonst keine grosse Schwierigkeiten. Die Schlitten glitten wegen ihrer Konstruktion (mit Blech bezogener flacher Unterboden, durgehende, starre Kufen) wie ein Schiff auf den Schnee auf und die Steuerung war kein Problem. Bei viel Neuschnee wurden die ersten Fahrten mit reduzierter Ladung, d.h. mit nur 7 oder 8 Passagieren gemacht, bis die Spur gut gebahnt und gepresst war.

Die Wildhauser Funi besass auch eine eigene Telefonanlage. Es gab eine Telefonverbindung von der Bergstation zur Talstation über eine Leitung, die jeden Herbst entlang der Funispur ausgelegt und im Frühling wieder eingezogen wurde. Das Leide war, dass Füchse dieses Kabel immer wieder zerbissen, sie liebten anscheinend das Isolationsmaterial. Auch die Schlitten hatten ein Telefon, das der Wildhauser Funi war die erste Anlage, bei der das Zugseil auch als Telefonleitung gebraucht wurde. Das Telefon war vor dem Schlittenführer in einem Holzkasten untergebracht (kann gut auf den Fotos Bild #5 & #7 gesehen werden), aussen daran war seitlich ein Kurbel für das Läuten und wohl auch für das Signal geben angebracht.

Die ersten Schlittenführer waren Johann Forrer (Moos) auf dem Schlitten «Ueli» (viele haben ihn noch manches Jahr in der Talstation des Sesselliftes erlebt) und «Steili-Karl» Wenk, den man heute noch auf der Skipiste antreffen kann, auf dem Schlitten «Vreneli». Die Zuteilung der Schlitten wurde durch einen Spruch von Johann F. entschieden: "Karl, bisch no ledig, also nimm's «Vreneli»!" Deswegen mussten am Abend «Ueli» immer bei der Talstation und «Vreneli» im Oberdorf parkiert werden, wo sie dann für die Nacht zugedeckt wurden. Die Schlittenführer fuhren jeder nur auf 'seinem' Schlitten, obwohl es dafür keinen technischen Grund gab ausser eben, dass einer der Schlittenführer jeden Morgen zu Fuss hinauf in's Oberdorf musste, um den dort parkierten Schlitten zu übernehmen. Johann F. hätte nie zugelassen, dass sich ein anderer in seinen «Ueli» gesetzt hätte. Ein Jahr später kam dann Alfred Forrer dazu. 

Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar waren die damaligen Löhne: Der Stundenlohn betrug zwischen 60 Rappen für Ledige und 80 Rappen für Verheiratete, wer im Taglohn arbeitete, erhielt Fr. 6.- und  «Steili-Karl» Wenk wurden bei einem 10-Stunden Tag Fr. 210.- als Monatslohn bezahlt!

Historischer Film/Video

Aus den 40er Jahren sind sind kurze Filmsequenzen erhalten geblieben,
die den Funi auf der Fahrt zeigt.
Klicken Sie auf die Bilder unten, um die Videoclips anzuschauen.

Kurze Filmsequenz (ca. 25 Sek., 6 Mb) des Funi um 1940 mit dem Schlittenführer Johann Forrer und Schüler beim Schülerennen

Filmsequenz (Stummfilm, ca. 85 Sek., 10 Mb) des Funi auf der Bergfahrt mit dem Schlittenführer Karl Wenk, aus den 40er Jahren

Diese Aufnahmen wurden von E. Sennhauser, einem langjährigen Gast des Hotels Friedegg auf 8mm Film gemacht

Billet-Preise in den  Anfangsjahren:
Einzelfahrten: Bergfahrt Fr. -.90 
Talfahrt Anfangs Fr. -.50, später Fr. -.40
Abonnemente:   20 Fahrten Abo für Fr. 14.-  (-.70/Fahrt)
100 Fahrten Abo für Fr. 60.-  (-.60/Fahrt)
später auch 10 Fahrten Abo für Fr.  8.-  (-.80/Fahrt)

Fahrplan: Um 0800 war Arbeitbeginn mit einer Fahrt für die Angestellten (ab 1946 Personal für Gamsalpskilift!), eine erste Publikumsfahrt um 0830, die nächste um 0910 und ab 0930 alle 10 Minuten. Es gab ähnlich wie später bei der Sesselbahn eine Mittagspause und Feierabend war je nach Jahreszeit um 1730 oder 1800. Der Betriebsleiter Jakob Kaufmann passte auf, dass die Fahrten ja nicht länger als 6 Minuten dauerte, sonst wurde der Maschinist gerügt!

Ebenso musste, um den 10 Minutentakt einhalten zu können, das Aus- und Einladen der Passagiere (und Ski!) rasch geschehen. In der Talstation half dabei der Kassier, in der Bergstation, die unbemannt war, musste  der Schlittenführer das alles, inklusive dem Billetverkauf, allein besorgen. Brauchte er dazu zu lange, gab's danach in der Talstation 'Schnorries' vom Betriebsleiter Kaufmann ...


Inserat im SSV Jahrbuch 1938

Die Zugseile wurden im Frühling in der Bergstation Oberdorf von Hand mit einer Winde eingezogen und aufgerollt, der Maschinist musste sie mit einer Drahtbürste reinigen. Ebenso wurde das Telefonkabel eingezogen und eingelagert.

Die Schlitten wurden für den Sommer über in der Talstation 'garagiert', was nicht einfach war, da der Platz sehr knapp war. Daher musssten sie im April jeweils mit einer Seilwinde zentimetergenau verstaut werden und der Mechaniker der Talstation, Kaspar Reich beklagte sich dauernd, dass er keinen Platz für das Einlagern seiner Geräte habe.
 
Im Restaurant «Funi» der Bergstation Oberdorf wirtete zuerst ? Spiess, dann «Funi-Ueli» Forrer mit seiner Frau Olga, die nach seinem Tod 1956 die Wirtschaft weiter führte. 

Die Skiabfahrt führte am Anfang über das Schwendeli (die heutige 'blaue' Abfahrt), und später, im Gegensatz zu heute, von der Bergstation westwärts zu Forrer's Bauernhof und um das steile «Funibord» herum an Flori Hartmann's Haus vorbei durch die hinterste Schneise hinunter zum Steili, um nicht der Funi in die Quere zu kommen.

«Funi-Ueli» Forrer

Bereits im ersten Geschäftsbericht stellte der Verwaltungsrat erfreut fest: "Schon kurz nach der Eröffnung wurde die Funi recht erfreulich frequentiert, die Gesamtfrequenz erreichte eine Höhe die wohl keiner der Gründer je erhofft haben dürfte. In 3299 Fahrten wurden 29'545 Personen befördert." Der Verkehrsertrag betrug im Geschäftsjahr 1937/38 zur angenehmen Überraschung 18'899 Franken (die 100'000-Franken-Grenze wurde im Betriebsjahr 1948/49 erreicht), so konnte die erste ordentliche Generalversammlung 1938 eine Dividendenzahlung von 4% beschliessen. 
 
 

Bau des Skiliftes Oberdorf-Gamsalp
(Fotogalerie Teil 3, Bild 21)

An der selben Generalversammlung 1938 wartete der Verwaltungsrat mit einem Gutachten für die Erstellung eines Skilifts Oberdorf-Gamsalp auf. Dieser Antrag wurde ebenfalls zum Beschluss erhoben. Allerdings wurde 1939 auf die Konzessionseingabe zufolge der unsicheren Weltlage verzichtet. Erst 1944 wurde das Projekt mit dem Erwerb von Grundeigentum für den Skilift wieder aufgenommen. 

Die Konzession wurde 1945 erteilt und am 12. Jan. 1946 konnte der Skilift eröffnet werden
Mehr über den  Bau und Betrieb des Skilifts Oberdorf-Gamsalp findet sich hier
 

Ersatz der Funi 1949
(Fotogalerie Teil 3, Bilder 22 - 26)

Von 1937 bis 1949 war die Funi-Schlittenbahn in Betrieb. Während dieser Zeit beförderte sie über 410 000 Passagiere. 

1947, nach 10 Jahren Betrieb wurde die Erneuerung der Konzession fällig. Schon damals hätte dies nicht nur eine Generalrevison sondern auch wesentliche Unbauten zur Folge gehabt. Daher erstellte der Verwaltungsrat ein Gutachten für den Ersatz der Funibahn durch eine Sesselbahn und die Konzession knnte provisorisch um 2 Jahre verlängert werden. Ein erstes Konzessionsgesuch wurde wegen einer Einsprache abgelehnt. Begründet wurde die Einsprache damit, dass die Sesselbahn Wildhaus eine «Existenz-Unfähigkeit» des Ski- und Sesselliftes in Alt St.Johann (erbaut 1946) auslösen könnte. Damit äusserten die Einsprecher Befürchtungen, welche die Initianten der Funi-Bahn bereits in ihrem damaligen Konzessionsgesuch an den Bundesrat in Abrede stellten: « ... so wird auch die Iltiosbahn durch unser Unternehmen keine Einbusse erleiden.» 

Nach einem Wiedererwägungsgesuch wurde die Konzession am 10. Oktober 1949 erteilt, die Sesselbahn Thur-Oberdorf konnte bei der Firma Von-Roll in Thun bestellt und gebaut werden. Die Bahn diente vor dem Verkauf nach Wildhaus einen Sommer lang an der Kantonal-Bernische Ausstellung/KABA Thun 1949 als Austellungsbahn. Wer weiss mehr darüber?). 

Entsprechend wurde die Gesellschaft von «Funi AG» in «Sesselbahn und Skilift AG» umbenannt.

Nicht ohne gewisse Wehmut setzte Carl Rieth, der neue VR-Präsident die Funischlitten «Vreneli» und «Ueli» ausser Betrieb. Als Folge wurde die Funi abgebrochen.  Das Gebäude der Talstation wurde um wenige 10m nach Norden verschoben und steht heute noch, allerdings mehrfach umgebaut und erweitert als «Café Alpiger» (das Elternhaus des Skirennfahrers Karl Alpiger). Die Schlitten und die mechanische Ausrüstung (Antrieb, Wendrad, Seilrollen, etc.) sollen ins Wallis an eine Kraftwerksbaustelle verkauft worden sein, wo sie als Transportbahn eingesetzt wurden.

Die Sesselbahn konnte am 20. Dez. 1949 eröffnet werden.

Die 3 Präsidenten der Funi A-G:

Ernst Steiner sen., Revierförster, Präsident von 1937 bis 1946
Als Gründer und erster Präsident der Funi AG leistete Ernst Steiner wertvolle Pionierarbeit. Beim Bau von Funi und Skilift stellte er seine unermüdliche Arbeitskraft und sein Talent für Organisation und Verhandlung restlos zur Verfügung. Im Verwaltungsrat galt er als ein dem Fortschritt offener, aber stets gesundes Mass haltender Schaffer zum Wohle der Entwicklung von Wildhaus zum Ferienort. Am 3. März 1946 erlag er einem tragischen Arbeitsunfall im Wald.
Ernst Steiner jun., Präsident von 1946 bis 1947
Getragen von starkem Verantwortungsbewusstsein, trat Ernst Steiner das Erbe seines Vaters an, um das Werk weiter zu konsolidieren. In seine Amtszeit fiel die Abfassung des Gutachtens zur Beantragung für den Bau des Skilifts Oberdorf - Gamsalp. An der folgenden Generalversammlung konstituierte sich der Verwaltungsrat neu, und Carl Rieth übernahm das Präsidium der Gesellschaft.
Carl Rieth, Hotelier Hotel Alpenblick, Präsident 1947 bis 1950
Als Initiant und Gründer der Unternehmung war Carl Rieth von Anfang an dabei. Er kannte die Zielsetzungen, und er war fest entschlossen, mit der ihm eigenen Beharrlichkeit die Schwierigkeiten der Konzessionserwerbung für die neue Sesselbahn Thur-Oberdorf zu bewältigen, was endlich unter seiner Führung gelungen ist. In der Folge leitete er den Bau der Von-Roll Sesselbahn, die am 20. Dezember 1949 eröffnet wurde.


Weitere Funi

Neben der bereits erwähnten Funi auf der Lenzerheide wurden in den dreissiger und Anfangs der vierziger Jahre eine ganze Reihe von Funi gebaut. Allerdings sind leider fast alle bereits in den fünfziger Jahren verschwunden.

Die 2 letzten Vertreter dieser Bahnart befanden sich im Berner Oberland und waren erstaunlich lange in Betrieb: Die Hornberg Funi in Saanenmöser (Foto, erbaut 1938 mit zwei Sektionen, fast 3 km lang) hatte am 6. April 1986 ihren letzte Betriebstag und die letzte Funi, die Bodmi Funi in Grindelwald, fuhr sogar bis 1989 oder 1990. Sie alle hier aufzuzählen macht keinen grossen Sinn, aber eine zweite Toggenburger Funi soll doch auch erwähnt werden: 

Funi vom lltios zum Stöfeli
(Fotogalerie Teil 3, Bild 27)
Sie wurde 1938 erbaut und war mit 1345m schräger Länge und 350m Höhendifferenz recht lang und steil und die Schlitten sollen immer wieder 'entgleist' sein. Diese Funi wurde darum 1939 schon nach einem Jahr durch einen Skilift ersetzt, weil scheinbar die technischen Probleme nicht zu lösen waren. Bild 27 in der Foto-Gallerie, Teil 3 zeigt dies Funi, mehr darüber findet sich auf der Seite Geschichte der Funi Iltios-Stöfeli.
Wegen den Handänderungen der Bahn scheinen viele Unterlagen verlohren gegangen zu sein. Wer weiss mehr darüber? Wer hat Fotos? Ich wäre dankbar für jede zusätzliche Information und besonders für Bilder.
Inserat im SSV Jahrbuch 1938

Epilog: «Werkspionage» - Die Kopie der Wildhauser Funi in Heiligkreuz

 In Heiligkreuz im Entlebuch setzte Franz Röösli 1938 die erste Bahn für Skifahrer der Innerschweiz in Betrieb. Die einfache Anlage, ein Hornschlitten, der von einem Zugseil den Hang hochgezogen und an der Bergstation First von den Gästen gewendet werden musste, hatte Erfolg. Zumindest bei den Skifahrern. Weniger bei den Behörden aus Bern, welche die Konzession verweigerten. 

Franz Röösli machte sich deshalb mit Freunden im Frühjahr 1938 auf die Suche nach bereits bewilligten Anlagen. Im Toggenburg kopierten sie, in einer Form von Werkspionage, die Funi von Wildhaus und bauten die Anlage in Heiligkreuz nach. Sie führte von Heiligkreuz 1127m zum First, 1462m hinauf, die beiden Schlitten für je 21 Personen hiessen «Hänsel» und «Gretel».


Funi Heiligkreuz
Ansichtskarte, Verlag unbekannt

Der Erfolg war gross, sogar aus Bern und Luzern kamen die Skisportler mit speziellen Sportzügen nach Schüpfheim und ließen sich mit den Schlitten von Heiligkreuz zum First hinauffahren. 
Diese Funi wurde 1946 durch einen Skilift ersetzt.


Quellen: 
K. Wenk sen., Wildhaus, Fotos und mündliche Berichte
H. Forrer, Wildhaus, Fotos und mündliche Berichte
F. Forrer, Wildhaus, Fotos und mündliche Berichte
S. Forrer, Wildhaus, Fotos
D. König, Wildhaus, Fotos
K. Rüegg, Wildhaus, alte Ansichtskarten und weitere zeitgenössische Publikationen
Fritz Müller, Photograph, Wildhaus, Fotos
Sesselbahn und Skilift AG Wildhaus:
- Jubiläumsschrift im Jahresbericht 1986
- Fotos und diverse Dokumente aus dem Archiv

Ruth Annen-Burri, Lauenen, diverse Mitteilungen
Reto Burri, Lauenen, diverse Dokumente, Pläne und Fotos
David Sigrist, Sachseln, Fotos
A. Siegenthaler, Greifensee, Mitteilungen und Fotos KABA und Hornberg Funi
Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, Diverse Dokumente und Pläne
Gemeinde Vaz/Obervaz, Fotos aus Buch  «Lenzerheide-Valbella. Vom Maiensäss zum Kurort»
François Meienberg: 'Gratwegs ins Entlebuch'
Diverse mündliche Mitteilungen

Auf die Vorschau-Fotos links klicken um sie in voller Grösse anzusehen. Das grosse Bild erscheint hier in diesem Rahmen.
Danke für den Besuch!

up-dated:  25. Jul. 2008

Jörg Walker, Stelzbrunnen/Riet, Postfach 2054, CH-9658 Wildhaus, Schweiz
Email:  jwalker@smile.ch